Serielle Quellen zur Armut und Armenversorgung in Rostock


- Ein Arbeitsbericht -

von Jan Straßenburg M.A.

Armenfürsorge in Rostock

"Sicherheit", "Arbeit", "Erziehung", "Würde" und "Ordnung" waren Schlagwörter, die Zeit und Diskussionen des gesamten 17. und 18. Jahrhunderts prägten, sobald das als erhebliches gesellschaftliches Problem empfundene Armenwesen thematisiert wurde. Ausgehend von Großbritannien vollzog sich in Europa ein tiefgreifender Wandel im Umgang mit unterbürgerlichen Schichten, vor allem mit sesshaften und nichtsesshaften Bedürftigen. Auch wenn das Herzogtum und spätere Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin von den sonstigen Veränderungen wirtschaftlich-industrieller und politischer Art wenig ergriffen wurde, blieb die angesprochene geistige Wandlung unter der sich formierenden bildungsbürgerlichen Elite auch hier nicht aus. Vor allem in Schwerin und Rostock begann man Ende des 18. Jahrhunderts verstärkt den Diskussionen und Entwicklungen in Göttingen und Hamburg zu folgen, die beide eine Vorreiterrolle in Bezug auf eine zeitgemäße, das hieß institutionalisierte und bürokratisierte Armenfürsorge einnahmen.
In Rostock, der zu dieser Zeit wichtigsten Metropole Mecklenburg-Schwerins, Handelszentrum und Zugang zur Ostsee, kulminierten diese Reformideen 1803 in der Schaffung eines Armeninstituts, das am 1. Januar 1804 seine Arbeit aufnahm.
Diese städtische Einrichtung regelte die gesamte Versorgung der in Rostock lebenden und als empfangsberechtigt angesehenen Armen. Es sorgte nicht nur dafür, dass diese mit dem nötigen Lebensunterhalt ausgestattet wurden, sondern versuchte auch, ihnen in einem Arbeitshaus eine Beschäftigung zukommen zu lassen. Desgleichen kümmerte man sich um bedürftige Alte und Kranke, die zumeist häuslich betreut wurden und vor allem um Waisenkinder und Kinder armer Familien, denen in einer Lehr- und Industrieschule grundlegendes Wissen zu vermitteln und als zukunftsfördernd angesehene Arbeitstechniken zu lehren versucht wurde.
Die finanzielle Grundlage dieser Anstalt bildeten zunächst die in ihr zusammengefassten Vermögen und Besitztümer vorhergehender Einrichtungen. Darüber hinaus waren alle Rostocker aufgefordert, freiwillig private Spenden zu leisten. Dieses auf dem Solidaritätsgedanken beruhende Prinzip konnte allerdings nur bis 1822 beibehalten werden, als man sich durch stetig sinkende Einnahmen dazu gezwungen sah, eine Zwangsabgabe in Form einer Armensteuer in Höhe von einem Prozent des Jahreseinkommens zu erheben.
Die Administration und der weitere geschichtliche Verlauf der Arbeit dieses Instituts sollen hier nicht weiter ausgebreitet werden. Der Blick ist vielmehr auf die Spender und die Empfänger gerichtet, deren Auflistungen einen Kern der seriellen Quellen einer Detailstudie zur Rostocker Armenfürsorge zu Beginn des 19. Jahrhunderts bilden.

Forschung

Forschungen zur Armut oder zur Lage der Unterschichten stehen fast unterschiedslos vor dem Problem, dass ihnen eine feste Datengrundlage fehlt. Bei der Durchsicht einer Auswahl aus der forschungsrelevanten Literatur ist vor allem aufgefallen, dass die quantitative Seite des Armutsproblems in der Sicherheit der darüber vorliegenden Erkenntnisse weit hinter der der administrativen Strukturen zurückstehen muss. Zahlen werden kaum präsentiert; zumeist sind sie der einschlägigen Literatur von Wilhelm Abel, Wolfram Fischer oder Hans-Ulrich Wehler entnommen oder entstammen vorliegenden Detailstudien anderer Orte oder Zeiträume.
Dieser Umstand ist in den meisten Fällen dem Fehlen von geeignetem Quellenmaterial anzulasten, das eine gesicherte Aussage zu quantitativen Aspekten der Armut zulassen würde. Die in den letzten Jahren verstärkt als Grundlage für stratifikatorische Untersuchungen zur Gesellschaft der Frühen Neuzeit herangezogenen Kontributionsregister und Volkszählungen bieten, der Natur ihrer Entstehung nach, wenig Auskunft über die sozial am tiefsten stehenden Mitglieder der Gemeinschaft. So enthalten auch diese Untersuchungen nur wenig Material für gesicherte Aussagen über die Anzahl der Armen und eine "Morphologie der Armut".
Wegweisend sind solche Arbeiten aber auf methodischem Gebiet. Sowohl Fragen der Quellenkritik an überlieferten seriellen Daten, also auch die sich daraus ergebenden Analysemethoden werden vor allem in den Untersuchungen zur Sozialstruktur der Städte Göttingen, Altona und Rostock intensiv behandelt, während die Armutsproblematik leider randständig bleibt. Umgekehrt kranken die Untersuchungen zur Sozialfürsorge oft an unreflektierter Benutzung von vorliegendem Zahlenmaterial, das zur flankierenden Darstellung der gesellschaftlichen Gegebenheiten herangezogen wird.
Mit der Dissertation von Matthias Manke zur Sozialstruktur der Stadt Rostock zu Beginn des 19. Jahrhunderts liegt eine Arbeit vor, die eingehende Analysen des Alltags und der Sozialstruktur in Rostock bietet. Das für die Druckversion seiner Dissertation gestrichene Kapitel über die Entwicklung, den Aufbau und die Funktionsweise des Rostocker Armeninstituts hat Manke in einer leicht überarbeiteten und etwas ausgebauten Fassung als Aufsatz veröffentlicht. Dieser stützt sich aber wie die bereits angesprochenen anderen Untersuchungen lediglich auf qualitative Quellen.
Es gilt also im quantitativen Teil der Analyse der Rostocker Armenversorgung fundiertes Zahlenmaterial zu erlangen, dass es erlaubt, einen genaueren Blick auf die sozial Schwächsten und deren Unterstützer in der Stadt Rostock und so auch auf die Probleme einer institutionalisierten Armenfürsorge vor dem Pauperismus zu werfen.
Dass es sich bei den hier behandelten Quellengruppen lediglich um einen Teil des insgesamt zu beachtenden und zu sichtenden Materials handelt, sei an dieser Stelle betont.

Quellen

In Anbetracht der angeführten Schwierigkeiten, zu sicheren Aussagen über Anzahl und Zusammensetzung von durch institutionalisierte Fürsorgemaßnahmen versorgter Armer gelangen zu können, kann die Quellenlage für die Stadt Rostock nach 1803 als hervorragend bezeichnet werden. Das in diesem Jahr neu gegründete Institut verfolgte einen Kurs der radikalen Öffentlichkeitsarbeit, in dem es sich selbst auferlegte, alle die Arbeit und Leistung dokumentierenden Zahlen durch Publikationen bekannt zu machen. Folgende Daten wurden im untersuchten Zeitraum von 1804 bis 1822 nahezu lückenlos veröffentlicht:

  1. Die Listen aller Spender, sowohl derjenigen, die sich für jährlich festgelegte Beträge entschieden hatten, also auch derjenigen, die sich lediglich zu wöchentlichen Spenden fähig sahen. Ergänzt wurden diese Angaben noch durch die Erträge der in öffentlichen und privaten Gebäuden aufgestellten Sammelbüchsen und der unregelmäßigen Spenden, die dem Institut zukamen. Diese Listen enthalten folgende Details: Beruf, Name und zumeist Vorname des Spenders, gefolgt vom jeweiligen Betrag in Reichstalern und Schillingen. Die Spender ordneten sich nach den Rostocker Bürgerfahnen (älteren städtischen Verwaltungseinheiten) und in einer Reihenfolge, die sich an das übliche Procedere der Steuererhebung anlehnte. Die Büchsen waren alphabetisch nach dem Aufstellungsort sortiert. Schließlich lagen in gedruckter Form noch Aufstellungen von Spenden aus Veranstaltungen, Hochzeiten, Strafgeldern und anderen unregelmäßigen Gelegenheiten vor, aufgezeichnet nach Datum des Eingangs beim Armeninstitut unter Angabe der Gründe und zumeist des Einlieferers.

  2. Ähnlich verfuhren die Administratoren mit den vom Institut erfassten und betreuten Armen. Diesen wurde jeweils und einmalig eine Nummer zugeordnet, die zusammen mit dem Namen, einem Beruf und/oder einer anderer nähere Bezeichnung (z.B. "Die epileptische Pannberg") und dem erhaltenen Betrag in Reichstalern, Schillingen und Pfennigen veröffentlicht wurde.

  3. Jeder Ausschuss (Abteilung) des Instituts hatte jährlich seine Abrechnungen über Einnahmen und Ausgaben dem Leitungsgremium vorzulegen, aus denen eine Gesamtabrechnung und eine Jahresendbilanz zusammengestellt wurde. Alle diese Daten wurden in detaillierter Form veröffentlicht, so dass uns nicht nur grobe Übersichten über die finanzielle Situation des Instituts vorlagen. Darüber hinaus liessen sich unter anderem auch genaue Aufstellungen über die im Arbeitshaus verarbeiteten Materialien, den dafür ausgezahlten Lohn, die Menge der im Warenlager vorhandenen Produkte, die Anzahl der vom Institut behandelten Kranken, die der versorgten Kinder, deren Verdienst in der Industrieschule bis hin zum anteiligen Verbleib dieser Gelder bei den Eltern, den Kindern und dem Institut erarbeiten.


Flankierend zu dieser bereits das Institut und die Armen selbst betreffenden Menge an Daten sind die von Matthias Manke erschlossenen Kontributionsregister von 1808 und 1819, sowie die Volkszählungsliste von 1819 hinzugezogen worden.
Schließlich sind noch durchgängig Daten aus den offiziellen Statistiken des Landes vorhanden. Dazu zählen vor allem Einwohnerzahlen, Nahrungsstände in Rostock, Geburts-, Konfirmations-, Kopulations- und Sterberegister. Geburts- und Sterbedaten liegen jährlich ebenfalls für jedes der vier Kirchspiele Rostocks vor. Diese Zahlen können allerdings nur sehr vorsichtig mit einbezogen werden, wie Manke quellenkritisch herausgearbeitet hat.

Bearbeitungswege

Die Überprüfbarkeit statistischer Analysen verlangt die Möglichkeit einer Rekapitulation der für die Auswertungen gewählten Verfahren. Es ist darüber hinaus auch unerlässlich, die Arbeitsschritte der Erfassung und Bearbeitung der Daten für andere Forscher nachvollziehbar zu machen. Anhand der Spender- und Empfängerlisten soll das hier geschehen.

Datenaufnahme

Zunächst mussten die Vorlagen in eine Datenbank überführt werden. Um diese einer späteren Verwendung in Form einer digitalen Edition zugänglich zu machen, war es notwendig, sich einer 1:1-Relation zwischen Original und Abschrift so weit wie möglich anzunähern, also jede Abweichung zu vermeiden oder kenntlich zu machen. Technisch wurde dies unter Verwendung eines handelsüblichen Laptops und dem Datenbanksystem MS Access realisiert.
Zur Aufnahme der Listen wurden folgende Felder erstellt: ID, Armennummer, Jahr, Fahne, Beruf, Nachname, Vorname, Titel, Zusatz, Reichstaler, Schillinge, Pfennige und Anmerkungen. Titel und Zusatz dienten dazu, zum einen adlige Titel vom eigentlichen Namen abzutrennen, zum anderen Einträge in den Listen zu separieren, die nähere Bezeichnungen oder andere Zusätze beinhalteten. Dazu gehörten u.a. "und Sohn", "senior" oder die fast immer genannte Berufsbezeichnung des verstorbenen Mannes einer Witwe, wie "Glashändler Müller Witwe". Die Eingaben im Feld Beruf waren daher zunächst weniger als tatsächliche Berufsbezeichnung zu verstehen, sondern eher als in den Listen zu findende nähere Bestimmungen einer Person. Diese umfassten nicht nur Berufe im engeren Sinne, sondern auch Familienstandsangaben wie "Witwe" oder "Unbegebene". Die Anmerkungen dienten vornehmlich dazu, Abweichungen zwischen dem Original und dem Datenbankeintrag zu dokumentieren, um eine spätere Rekonstruktion zu ermöglichen. In dieses Feld wurden auch die für die aufgenommenen Listen markanten Einträge für Zahlungsunwillige ("will nichts geben" oder "hat nichts gegeben") übertragen. Um Raum für eine spätere Weiterverarbeitung zu schaffen, wurden zunächst diese Daten getrennt nach Jahren und regelmäßigen ("pränumerierten") oder wöchentlichen Beiträgen aufgenommen.
Insgesamt wurden so in einem ersten Bearbeitungsschritt insgesamt 56454 Datensätze mit je bis zu 12 Merkmalsausprägungen in 56 Tabellen gespeichert. Davon entfielen auf die Armen 19 Dateien mit 11693 Datensätzen, auf die beiden Spenderlisten je 18 Tabellen mit 31928 pränumeriert und 9885 wöchentlich Zahlenden und schließlich auf das Jahr 1822 in einer Tabelle 2948 Beiträge aus der Zwangserlegung.

Bearbeitung

Zur Aufbereitung des vorliegenden Materials und für die statistischen Analysen wurde das Tabellenkalkulationsprogramm MS Excel verwendet. Die Entscheidung, nicht das sonst vor allem in den Sozialwissenschaften üblichen Programm SPSS einzusetzen, geschah aus drei Gründen. Zum einen bot es sich unter arbeitsökonomischen Gesichtspunkten an, ein Programm zu nutzen, dessen Funktionalitäten dem Bearbeiter bereits bestens bekannt waren. Darüber hinaus waren die in Betracht kommenden statistischen Berechnungen problemlos auch mit Excel durchführbar. Schließlich bestand die Möglichkeit, ohne Konvertierungsverluste sowohl die mit dem Datenbanksystem Access erschlossenen Quellen in Excel zu nutzen, als auch die hier angestellten Berechnungen in die Textverarbeitung Word zu übertragen.
Das Normalisieren der Angaben betraf in erster Linie die noch nicht standardisierte Orthographie der Namen. Die Entscheidung für eine der Schreibweisen wurde dabei aufgrund der Mehrheitsverhältnisse gefällt. Da das Ziel keine Familienrekonstruktion der Bevölkerung Rostocks war, schien dieser Weg legitim zu sein.
Wo die Möglichkeit bestand, wurde der Vorname für die Jahre nachgetragen, in denen er nicht aufgezeichnet worden war. Dieses Vorgehen stellte lediglich bei denjenigen Namen kein Problem dar, die nicht massenhaft auftraten, wohingegen es sich als nahezu unmöglich erwies, trotz Berufsbezeichnung und Fahnenzugehörigkeit die Vornamen aller 308 angeführten "Ahrens'" oder der 453 "Schmidts" nachträglich richtig zuzuordnen. Auf ähnliche Art und Weise konnten im Rahmen der erwähnten Grenzen die noch fehlenden Berufsangaben ergänzt werden. Beide Versuche gestalteten sich bei den Armenlisten einfacher, da hier mit der Armennummer ein eindeutiges Identifikationsmerkmal vorlag. Um die Aussagekraft der angestrebten Auswertungen zu erhöhen und die Anzahl der fehlenden Daten zu minimieren, wurde ebenfalls versucht, die Berufe der verstorbenen Ehemänner von Witwen zu rekonstruieren, so diese nicht in der Form "Maurermeister Klinger Witwe" bereits angeführt wurden. In vielen Fällen war dies durch Vergleich möglich, wenn der Eintrag eines Mannes unter Einschluss der Berufsangabe bis zu einem Stichjahr regelmäßig erschien, und eine Frau selben Namens, selber Fahnenzugehörigkeit und zumeist gleicher Beitragshöhe unmittelbar im folgenden Jahr genannt wurde. Ebenso konnte auf diesem Weg der Vorname eines Mannes erschlossen werden, wenn dieser bei seiner Witwe erschien: "Kleiderseller P.H. Schulz Witwe".
Schließlich bestand noch die Möglichkeit, fehlende Einträge durch Rückgriff auf die Kontributionsregister und die Volkszählungsliste zu rekonstruieren. In diesem Fall war erhöhte Vorsicht angebracht, da sich diese Listen lediglich jeweils auf ein Jahr bezogen. Bei der Frage des Familienstandes konnte beispielsweise nicht mit hinreichender Sicherheit davon ausgegangen werden, dass sich ein Eintrag als Witwer in der Volkszählung von 1819 auch bereits auf die vorhergehenden Jahre bezog.
Nach der Normalisierung der Namen und der Rekonstruktion der Vornamen wurden folgende Kodierungen vorgenommen, bzw. zusätzlich eingefügt: PräWö (Wöchentliche oder ordentliche Spende), FAM (Familienstand), Berufkodes nach dem Altonaer System, SX (Geschlecht) und SUM (Betrag als Summe der Währungsstückelungen). Zusätzlich waren nichtkodierte Felder nötig: VZKontr (Abweichende Angaben zum Beruf in den Volkszählungs- und Kontributionslisten), EditAnm (Nachweise von Daten aus anderen Quellen), BerufOrig und NameOrig (Angabe der ursprünglichen, jetzt normalisierten Angaben).
Die Geschlechtskodierung erwies sich als problemlos, lediglich 13 Fälle ließen sich weder durch die Angabe von Vornamen noch durch Berufsbezeichnungen erschließen.
Die Zuordnung des Familienstandes war bei Witwen, Demoiselles, Unbegebenen und anderen eindeutigen Angaben unproblematisch. Andere Fälle, z.B. "Madame", konnten nach Hinzuziehung anderen Quellenmaterials geklärt werden.
Als aussichtslos erwies sich bei den Spenderlisten der Versuch, den Familienstand der Männer zu erschließen. Die Kodierung wurde in diesem Fall auf Frauen beschränkt.
Bei den Armenlisten machte es das Vorhandensein einer ganzen Reihe von Kindern notwendig, diese auszählbar zu machen. Realisiert wurde das über den Familienstand, da die hier angeführten Minderjährigen alle als ledig angesehen werden konnten. Durch eine weitere Aufschlüsselung des Kodes ergaben sich also keine Konflikte mit anderen Familienstandsangaben. Sie erhielten eine eigene Kennziffer, so dass unter ledigen Personen nun ausschließlich Erwachsene zu verstehen waren.
Das Merkmal Geschlecht konnte lediglich bei 57 Listeneinträgen nicht erschlossen werden, was einem Anteil von knapp über einem halben Prozent entsprach und damit innerhalb der statistischen Fehlertoleranzbreite lag.
Als Problem stellte sich heraus, dass die Armen erst ab dem Jahr 1807 mit einer Nummer versehen waren, nicht aber in den Jahren 1804, 1805 und 1806. Es musste also versucht werden, die fehlenden Angaben nachzutragen. Dies geschah im Wesentlichen durch einen Vergleich der späteren Listen mit denen der ersten drei Jahre. Es hat sich bei diesem Vorgehen erwiesen, dass die Armen auch im fraglichen Zeitraum bereits in der Reihenfolge ihrer späteren Nummerierung geordnet waren.
Für 1390 Einträge der ersten drei Jahre sind die Nummern der betreffenden Armen rekonstruiert worden. Lediglich 31 Fälle ließen sich nicht mehr in das vorgegebene Schema einordnen. Diese wurden an die Gesamtliste angehängt und fortlaufend nummeriert. Am Schluss konnten 2517 Personen identifiziert werden, die das Institut im Laufe der 19 Jahre unterschiedlich lang und intensiv versorgt hatte.
Zur Kodierung der Berufsangaben wurde die "Altonaer Berufssystematik" verwendet, die eine hierarchische Ordnung der Erwerbsstruktur städtischer Gesellschaften am Beginn des 19. Jahrhunderts möglich macht. Sie geht von einer Einteilung in vier Sektoren aus: "Urproduktion und Abbau von Rohstoffen", "Weiterverarbeitung und Veredelung", "Dienstleistung und Vertrieb" und nicht in den übrigen drei Sektoren unterzubringenden Branchen wie "Unspezifische Lohnarbeit". In einer Baumstruktur werden alle Berufe mit einer Kodierung versehen, die den Sektor (SE), die Obergruppe (OG), erste Untergruppe (U1), zweite Untergruppe (U2), eine Berufsnummer (NR) und schließlich einen Berufszusatz (BZ) beinhaltet. Die vorletzte Ordnungsgruppe konnte auf Grund der wenig differenzierten Angaben in den bearbeiteten Listen vernachlässigt werden.
Der Berufszusatz (BZ) wurde beibehalten, da dieser Angaben über den Professionsgrad enthielt und damit Meister, Gesellen, Lehrlinge usw. einer Auszählung zugänglich gemacht werden konnten.

Erste Ergebnisse

Am Beispiel einer gängigen Hypothese sollen an dieser Stelle die Möglichkeiten einer quantitativen Analyse der Armenlisten dargelegt werden:

"Frauen und Kinder waren am häufigsten von Armut betroffen und bildeten das Gros der institutionell Versorgten."

Zur Überprüfung dieser Aussage wurde zunächst die Verteilung der Frauen und Kinder auf die Gesamtzahl der Versorgten insgesamt und pro Jahr berechnet. Um Verzerrungen in diesem Fall ausschließen zu können, musste eine grundsätzlich Trennung zwischen erwachsenen Armen und Kindern vorgenommen werden. Die Anteile der Frauen beziehen sich also auf alle erwachsenen Armen und diejenigen der Mädchen auf alle Kinder.
Im Laufe der Jahre wurden 905 erwachsene Frauen vom Rostocker Armeninstitut versorgt. Das entsprach einem Anteil von 63% aller 1429 Erwachsenen, die wiederum 57% aller 2517 Versorgten ausmachten. Demnach bestand ein erheblicher Teil der Arbeit des Instituts aus Kinderfürsorge: 43% aller Bedürftigen im betrachteten Zeitraum fielen in diesen Aufgabenbereich, von denen wiederum 44% Mädchen waren.
Bereits diese ersten Zahlen ließen erkennen, dass Frauen tatsächlich am häufigsten von Armut betroffen waren. Rechnet man die Kinder hinzu, kommt man auf einen Gesamtanteil von fast 80% aller Versorgten. Dabei wurden mehr Jungen als Mädchen vom Institut betreut. Dieser Umstand muss auf weitere beeinflussende Faktoren hin geprüft werden, da es in Bezug auf die Gesamtbevölkerung einen Geburtenüberschuss an Mädchen in Rostock gab. Es kann vermutet werden, dass bei knapper Versorgungslage zunächst die männlichen Nachkommen eine Ausbildung erhielten, also im Armeninstitut den Unterricht in der Lehr- und Industrieschule besuchten. Von den Vorstehern wurde beklagt, dass nicht genügend Räume zur Verfügung stünden und man daher nicht alle angemeldeten Kinder aufnehmen könne.
Andererseits müssen die Zahlen als Zeichen der Ernsthaftigkeit der Bemühungen um eine weitgehende Reduzierung der Armut gesehen werden. Denn als Mittel zu diesem Zweck galt es, Kindern armer Familien zumindest grundlegende Bildungschancen zu bieten. Der Anteil der Mädchen unter den Betreuten, der immerhin fast die Hälfte ausmachte, zeugt davon, dass es nicht nur als notwendig angesehen wurde, spätere Familienväter aus der Armutsspirale zu holen, sondern auch zukünftigen Müttern bereits im Kindesalter einen Ausweg aus der Abhängigkeit von Dritten aufzuzeigen.
Nach dieser ersten "vertikalen" Betrachtung der Daten muss der Blick nun auf langfristige Entwicklungen gerichtet werden.


Diagramm 1: Anteil Frauen an der Gesamtzahl versorgter erwachsener Armer

Die Übersicht zeigt, dass der Anteil der erwachsenen Frauen in den einzelnen Jahren deutlich von dem errechneten Durchschnittswert von 63% abwich. Dieser lag nun, berechnet auf die einzelnen Jahre, bei 72% und schwanke zwischen 66% (1804) und 79% (1815).
Die Abweichung der beiden Durchschnittswerte voneinander ist ein Anzeichen dafür, dass die Problematik der Frauenarmut noch größer war, als zunächst angenommen. Das kann ein erster Hinweis darauf sein, dass Frauen über einen längeren Zeitraum versorgt werden mussten als Männer. Die Auswertung der durchschnittlichen Dauer der Beanspruchung von institutionellen Hilfsleistungen ergab bei einer ersten Überprüfung, dass 60% aller Frauen bis zu fünf und 10% mehr als zehn Jahre lang versorgt wurden. Bei den Männern zeigten sich davon deutlich abweichende Ergebnisse: 82% von ihnen waren weniger als fünf Jahre lang arm, aber nur 6% länger als zehn.
Die Verhältnisse fielen bei den Kindern nicht vergleichbar deutlich aus. Gegenüber 43% im Durchschnitt aller Daten lag der jährliche Anteil von 46% nur unwesentlich höher.


Diagramm 2: Anzahl und Anteil versorgter Kinder

Deutlich erkennbar ist, dass der Anteil der Kinder in den ersten Jahren parallel zu den Versorgtenzahlen angestiegen war. Hier zeigten sich die Auswirkungen der in den überlieferten Berichten erwähnten Startschwierigkeiten. Es fehlten Räume und Lehrpersonal. Als schließlich ein angemessener Status quo erreicht war, begannen die Kapazitäten schnell zu erschöpfen und die Anzahl der neu aufzunehmenden Kinder musste beschränkt werden. Auch dieser Vorgang war in den vorliegenden Zahlen abzulesen. Der Anteil der versorgten Kinder ging sowohl absolut als auch prozentual im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Versorgten nach dem Ende der Befreiungskriege zurück. Ob und in wie weit sich hier Geburtenrückgänge ausgewirkt haben, bedarf noch der Klärung. Die Quellen zum Institut selbst geben keine Auskunft zu dieser Entwicklung. Es ist nicht anzunehmen, dass die Kapazitäten gegenüber dem Status quo wieder abgebaut worden sind, weil solche Vorgänge in den Berichten Erwähnung gefunden hätten.
Die Verhältnismäßigkeiten bei den Mädchen waren ähnlich ausgeprägt. Insgesamt 484 von ihnen konnten identifiziert werden, was einem Anteil von 48% aller Kinder entsprach. Der Mittelwert des Anteils in den einzelnen Jahren wich mit 46% davon nur unwesentlich ab. Er zeigte aber eine noch geringere Schwankungsbreite zwischen 42% (1809) und 51% (1813), als dies bei der Gesamtzahl aller Kinder war. Die Konstanz des weiblichen Anteils innerhalb der Gruppe der Kinder war also sehr hoch. Das lässt darauf schließen, dass die Auswahlkriterien beim Entschluss zur Anmeldung durch die Eltern und bei der Aufnahme durch das Institut weitgehend geschlechtsunabhängig waren.

Die eingangs aufgestellte Hypothese, dass Frauen und Kinder die Hauptleidtragenden der Armut waren und das Gros der Versorgten ausmachten, konnte also für die Stadt Rostock im Zeitraum von 1804 bis 1822 verifiziert werden.
Die Abweichungen zwischen den Werten für den Durchschnittsanteil der Frauen an der Gesamtzahl der Versorgten und demjenigen für auf Frauen entfallende Einzelzahlungen lassen erkennen, dass es in der Praxis der Versorgung noch viel deutlichere Unterschiede gegeben haben muss, als dies auf den ersten Blick erscheinen mag. Die Geschlechtsspezifik der Armut zeigte sich weniger in den absoluten Zahlen versorgter Personen, als viel mehr in der Dauerhaftigkeit der Armut, unter der Frauen in stärkerem Maß zu leiden hatten als Männer.
Dieses Ergebnis muß nun selbstverständlich in eine weitere zu prüfende Hypothese münden. Pointiert ausgedrückt ist sie immer noch höchst aktuell:

"Einmal arm, immer arm."


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